S.G.: Was hat Sie dabei angsprochen?
Traugott: (zögert):
Das war völlig irrational.
S.G.: Hatte es mit Ihnen persönlich
zu tun?
Traugott: (zögert wieder):
... Wie gesagt, ich kann es nicht erklären, es gibt
keinen rationalen Grund dafür, dass ich auf Lilith sofort
"angesprungen" bin. Auf jeden Fall habe ich mir zuerst
die Lilith-Ephemeriden besorgt und angefangen, in meinem
eigenen Horoskop herumzuforschen. - Und dann hatte ich
ein ganz besonderes Erlebnis mit Lilith ...
S. G.: Was war das ?
Traugott: Es geschah
eines Nachts in einem Hotelzimmer, ich war hellwach.
Da habe ich - so zwischen halb ein Uhr und halb fünf
Uhr morgens - begonnen, alles aufzuschreiben, was mir
über Lilith durch den Kopf ging. Ich brauchte sämtliches
Papier, das ich im Zimmer finden konnte, um alles zu
notieren. Nach dieser Nacht begann ich, alle meine Bekannten,
deren Horoskop ich bereits hatte, über ihre Erfahrungen
in Zeiten mit Lilith-Auslösungen zu befragen. Ich bin
diesen Menschen sehr dankbar für die Ehrlichkeit, mit
der sie mir Auskunft gegeben haben. Je fündiger ich
jedoch bei meinen Forschungen wurde, desto grösser wurden
auch die Krisen, die ich durchmachte.
A.B.: Was für Krisen?
Traugott: Ich habe mich
immer wieder gefragt, ob das alles, was ich da mache,
nicht einfach ein "Schmarren" ist.
A.B.: Du hast an deiner Forschung
gezweifelt?
Traugott: Mit dem Forschen
ist es ja so eine Sache. Die Frage ist doch: Mit welchem
Blick schaue ich etwas an? - Das Ganze schien sich für
mich irgendwann einfach in sich selbst wieder zu bestätigen.
A.B.: Du warst also im Labyrinth,
das passt zu Lilith. Wie kamst du da wieder raus?
Traugott: Nachdem ich
die ersten Seminare über Lilith gemacht hatte, bekam
ich viele positive Briefe, die mich bestätigten und
bestärkten. Die Menschen haben mir darin versichert,
wie sehr sie sich angesprochen gefühlt haben von meinen
Ausführungen über Lilith und dass ich genau den "Punkt"
getroffen habe ... Noch immer bekomme ich viele Briefe,
etwa von Leserinnen meines Buches 1).
A. B.: Für was braucht es denn
überhaupt eine Lilith in der Astrologie?
Traugott: (lacht): Ketzer!
Also: Es war natürlich nicht nur meine persönliche Faszination,
die mir bestätigte, dass Liliths Bedeutung für die Astrologie
wirklich Hand und Fuß hat, sondern auch die vielen Gespräche,
die ich mit anderen hatte, vor allem mit Claude Weiss,
der - wie bekannt - ebenfalls umfangreiche Forschungen
zu Lilith betrieben hat.
A.B.: Was aber ist für dich
- astrologisch gesehen - zentral an Lilith?
Traugott: Ich arbeite
ja sehr viel mit Lilith, vielleicht, weil ich's mit
den Achsen habe. Dabei erfahre ich bei der Lilith/Priapos-Achse
wie auch bei der Mondknotenachse, dass sie wesentliche
Faktoren für die astrologische Interpretation sind,
deren Thematik ich zwar vielleicht auch sonst irgendwo
im Horoskop sehen könnte, aber nicht in dieser Prägnanz.
Diese beiden Achsen sind sozusagen Schnittpunkte, an
denen eine Bündelung und Zentralisierung der Themen
stattfindet.
A.B.: Man kann also auch ohne
Lilith arbeiten?
Traugott: Natürlich!
(lacht). Ich habe keinen Missionsdrang!
A.B.: Es gibt nun bekanntermassen
Leute, die beschäftigen sich seit langem mit Astrologie,
das funktioniert auch. Die sehen aber nicht ein, warum
sie sich nun auch noch mit Lilith befassen sollen. -
Was sagst du denen?
Traugott: Man muss überhaupt
nix! Und es ist wirklich wichtig, das einmal zu sagen!
Es ist nur so: Wir verändern uns ja alle ständig. Und
wir haben alle einen verschiedenen Zugang zu den Dingen.
Es kann nun sein, dass manche durch Lilith sehr berührt
werden, weil in ihnen analog dazu etwas in die gleiche
Richtung mitschwingt; diese Leute können mit Lilith
gut arbeiten, sie fühlen sich von ihr angesprochen.
Mir jedenfalls geht es so - für mich ist Lilith ein
Schlüssel.
A.B.: Warum aber besteht bei
einigen ein Unbehagen gegenüber Lilith?
Traugott: Wenn wir die
Zeitqualität anschauen und die anstehenden Themen, so
erkennen wir, dass Lilith, der Schwarze Mond, mit verdrängten
Themen zu tun hat, mit einer nicht integrierten Dimension,
die wieder geweckt werden will. Hier geht es für mich
um ein Sündenbock-Thema, um eine Art Heimholung ...
A.B.: Der Name "Schwarzer Mond"
impliziert aber auch etwas Dunkles, vielleicht sogar
etwas Negatives, das ...
Traugott: ... Wie geht
es denn dir persönlich mit Lilith?
A.B.: Mich fasziniert sie durchaus ... und vielleicht
gerade das Dunkle an ihr. Dennoch ist "Schwarz" für
viele Leute gleichbedeutend mit negativ.
Traugott: Eben! Wenn
wir Lilith aber heimholen, kann vielleicht auch diese
Zuordnung von "Schwarz" zu "negativ" hinterfragt werden.
Weshalb denn soll Schwarz nur negativ sein? Ich liebe
Schwarz! Schwarz hat auch seine lichte Seite.
A.B.: Hier fällt mir das Stichwort
"verdrängte Weiblichkeit" ein. Wenn man es geschichtlich
oder gesellschaftlich betrachtet, dann ist gerade in
der Zeit der ersten astrologischen Erforschung von Lilith
- in den 60er und 70er Jahren - die Frauenemanzipation
sehr aktuell geworden. Wie siehst du das?
Traugott: Ich würde
Lilith heute nicht mehr so interpretieren. Das mag gestimmt
haben vor zehn oder fünfzehn Jahren. Ich glaube, wenn
etwas Verdrängtes wieder zurückkommen darf, dann zeigt
es am Anfang auch seine destruktiven Seiten - das ist
aber oft nur Verletztheit. Und so sehe ich das auch
in diesem Fall: Ich schätze den Feminismus sehr, aber
man muss aufpassen, dass man nun nicht mit "Lilith-Clubs"
oder ähnlichem genau das stützt, was man eigentlich
überwinden wollte ... Du verstehst?
A.B.: Dass man sich wieder abspaltet?
Traugott: Ja. Ich würde
heute auch nicht mehr einfach von "verdrängter Weiblichkeit"
reden, ich sehe das heute mehr als Qualität, als das
Yin-Hafte. Ich bin sowieso sehr vorsichtig geworden
bei der Zuordnung von Eigenschaften zu "männlich" oder
zu "weiblich", das führt zu einem geschlechtlichen Denken,
das ich eher vermeiden möchte.
A.B.: Aber hat Lilith nicht
doch eine andere Bedeutung für einen Mann als für eine
Frau?
Traugott: Ja, absolut.
Aus den Rollen heraus.
A.B.: Und worin besteht dieser
Unterschied?
Traugott: Bei Männern
ist oft eine Faszination an Lilith vorhanden, die allerdings
zugleich von Anziehung und Abstoßung geprägt ist. Lilith
erinnert sie einerseits an etwas Dämonisches, aktiviert
Kastrationsängste. Andererseits hat Lilith, von der
wir uns das Bild eines Vollweibes machen, bei Männern
offensichtlicher mit dem Begehren, über ein Du ganz
zu werden, mit der Sehnsucht nach Vollständigkeit zu
tun, genauso natürlich mit der Sehnsucht nach Regress
und dem Verschlungenwerden, was wiederum Angst macht.
Ich erlebe oft, dass manche Männer schneller einen Zugang
zu Lilith finden als Frauen. Vielleicht ist das deshalb
so, weil wir uns dem, was scheinbar außen liegt, voll
widmen können, indem wir begehren, durchdringen wollen,
eindringen wollen und so voll hineingehen - was ein
erotischer Akt ist. Es gibt beispielsweise viel mehr
berühmte Köche als Köchinnen ... Bei Frauen hingegen
weckt Lilith häufig Abwehr, wenn sie sehr von tradierten
Rollen und Konditionierungen bestimmt sind. Lilith ist
natürlich keine Mutterfigur, die an eine kuschelige
Mami erinnert - sie ist eine sexuelle Frau. Für Frauen
ist es bezüglich Lilith wichtig, zuerst den Zugang zum
eigenen Mysterium zu finden. Und die Sehnsucht auf sich
selbst zu richten ist sicher schwieriger, als sie über
ein Du zu spiegeln. Das macht die Sache komplizierter
...
S.G.: ... Weil die Frau das
Dunkle mit sich selber identifizieren muss, während
dem Mann Lilith in der Außenwelt begegnet, wo er sie
erobern kann?
Traugott: Ja, genau.
Lilith hat auch etwas zu tun mit dem Zugang zum eigenen
Körper. Das Geschlecht des anderen zu entdecken, hat
etwas Lustvolleres, als sich gleich dem eigenen Geschlecht
zuzuwenden. - Zumindest werden wir in unserer Gesellschaft
so konditioniert.
S.G.: Lilith stellt also die
dunklen Aspekte der menschlichen Psyche dar. Wo sehen
Sie den Unterschied zu Pluto?
Traugott: Pluto
ist für mich generell der Herrscher der Unterwelt, ist
Hades, ist der Bereich des Schatten. Lilith hingegen
ist eine Verbannte, ist eine Verdrängte ...
A.B.: ... die im Schattenbereich
eigentlich am falschen Ort ist?
Traugott: Ja,
Pluto ist das Thema des Schattens, er ist generell der
Herr der Unterwelt. Von Lilith kann man nicht sagen,
dass sie generell in den Schatten gehört. Der Mythos
schildert, dass Lilith anfänglich im Paradies zum Menschen
gehörte und erst durch Verdrängung in den Schatten geraten
ist. Wobei Lilith nicht nur verdrängt worden ist, sie
ging auch freiwillig. Sie ist nicht nur das arme Opfer.
Übrigens möchte ich nun in bezug auf Lilith auch nicht
immer von "Schatten" oder "Dunkelheit" sprechen; besser
wäre es, einfach wertfrei von Mondhaftem, von Unbewusstem
zu sprechen. Oder vielleicht noch besser von Dagewesenem
und jetzt Formlosen. Lilith ging in einen Bereich, für
den wir heute keine Formen mehr haben. Wenn ich Lilith
vermitteln möchte, muss ich mich immer wieder fragen:
Welche Form wähle ich dafür? Es gibt keine Rezepte in
diesem Fall. Jedes Rezept wäre auch wieder eine Kastration
oder ein Verrat an dem Thema der Lilith.
A.B.: Versuchst du deshalb,
Lilith auch durch Bilder zu vermitteln?
Traugott: Ja,
damit auch eine nicht ausschließlich logische Ebene
mit reinkommt. Wie sich der einzelne Mensch solche Bilder
erschließen kann, liegt dann daran, welchen Zugang er
selber zu den Bildern des eigenen Unbewussten - eben
zu seinen mondhaften Dimensionen - hat ...
S.G.: ... Und damit auch zu
seinen weiblichen Persönlichkeitsanteilen?
Traugott: Ja.
Dies ist wohl der Grund dafür, dass Lilith in der Beziehungsthematik
ein enorm wichtiger Punkt ist. In meinen Beratungen
mache ich diese Erfahrung immer wieder - gerade bei
Männern. Ich frage mich oft, warum mir die Männer so
viel Intimes erzählen - das ist manchmal wirklich sensationell!
A.B.: Und woran liegt das wohl?
Traugott: Ich
glaube, es liegt daran, dass es bei Lilith ja auch um
die Angst des Mannes vor dem weiblichen Geschlecht geht.
Für die Männer ist es dann wie ein "Heimkommen", wenn
sie erfahren, dass nun gerade diese Angst einmal vom
anderen Geschlecht angesprochen wird. Denn diese Angst
können die Männer ja auch untereinander schwer besprechen
- sie können sich also von dieser Angst auch nicht befreien,
weil unter Männern ja auch wieder andere Erwartungen
vorherrschen.
S.G.: Also kann Lilith auch
eine große Befreiung für die Männer sein?
Traugott: Ja,
natürlich! Ich mag diese Haltung auch gar nicht, die
darin besteht: Lilith kommt zurück, und jetzt zeigen
wir´s den Männern! Ich möchte also bitte nicht in diese
Ecke gedrängt werden. Gleichzeitig möchte ich den Feminismus
aber auch nicht abwerten. Manchmal werde ich von Frauen
in dieser Hinsicht missverstanden, und sie fragen mich:
"Ja, war denn der ganze Feminismus umsonst?" - Natürlich
nicht! Aber ich sehe den Feminismus eher als Vorbereitung
auf die Aufgaben, die wir heute bewältigen müssen; also
als einen notwendigen Entwicklungsschritt. Die Gleichwertigkeit
der Geschlechter ist unerlässlich für reife Beziehungen.
S.G.: Wird im Feminismus nicht
oft die Sündenbockrolle einfach an die Männer abgegeben?
Traugott: Ja,
und schon herrscht wieder das alte "oben und unten".
Ich glaube, dass Männer und Frauen gewinnen können;
beide können sich durch Lilith befreien.
S.G.: Es hat ja allein schon
etwas Befreiendes, die Sünde, also das, wofür man sich
schuldig fühlt, auszusprechen ...
Traugott: Das
ist sicher eine Komponente davon. Wenn jemand das, was
nur noch halbbewusst, umschattet, geknebelt vorhanden
ist, sehr klar anspricht und keine wertende Haltung
einnimmt, dann hat das allein schon etwas Befreiendes,
und die Dinge können ans Licht gehoben werden. Das hat
auch mit Wahrhaftigkeit zu tun: Ertrage ich die Dinge,
die da ans Licht kommen, oder gehe ich wieder in die
Abwehr? Wir können vor dem Verdrängten auch erstarren
wie vor dem Blick der Medusa ...
S.G.: Einerseits möchten Sie
von Lilith nur in Bildern sprechen, andererseits möchten
Sie die Lilith-Themen ans Licht bringen. Ist das kein
Widerspruch?
Traugott: Ich
glaube nicht. Es ist ein Paradoxon. Ich behaupte ja
nicht, dass man beispielsweise bei Lilith-Transiten
ganz genau sagen kann, was passiert. Bei einem Lilith-Transit
über die Venus kann ich eine wunderbare Begegnung haben,
wo mir vielleicht wieder einmal das entgegenkommt, wonach
ich mich sehnte und was mir fehlte. Dann wird mir das,
was mir gefehlt hat, so enorm bewusst, dass ich den
Spiegel der Lilith natürlich als wundervoll erlebe.
Es kann aber auch das Gegenteil passieren: Vielleicht
lebe ich in einer sehr sterilen, kontrollierten und
kastrierten Beziehung, also in einem großen Macht-Missverhältnis
- dann wird der Spiegel der Lilith vielleicht ein sehr
schmerzhafter sein. Die Frage ist dann einfach: Gehe
ich wieder auf die Anklageseite und schiebe dem Du die
Schuld zu, oder kann ich diese Erfahrung einfach mal
reinnehmen und sie zulassen.
A.B.: Also ein Abschied von
der Projektion?
Traugott: Bei
Lilith geht es immer um die Frage der Selbst-Akzeptanz;
bei Auslösungen erleben wir häufig einen Imageriss,
eine narzisstische Kränkung, eine Aufforderung, ein
Bild von mir fallen zu lassen, um meinem wahren Selbst
wieder näher zukommen. Es geht um die Wahrhaftigkeit:
Kann ich meinen eigenen Anblick im Spiegel aushalten,
ohne wieder in die Abwertung zu verfallen, ohne entweder
den anderen oder mich selber zu verbannen? - Manchmal,
wenn ich morgens in den Spiegel schaue und eben noch
ganz gut drauf war, erschrecke ich und denke: Um Gottes
willen, jetzt ist alles dahin ... [lacht].
A.B.: Wenn der Dämon dich anstarrt
... Ging mir auch schon so.
Traugott: Es
geht einfach nur darum, den eigenen Anblick auszuhalten
und zu sagen: Es ist zwar schmerzhaft, aber ... [zögert].
A.B.: ... aber ich halte es
gerade noch aus?
Traugott: Ja.
Wenn ich es gerade noch aushalte, dann ist der erste
Schritt schon getan.
A.B.: Was einem hier, im Spiegel,
entgegentritt, hat ja mit dem Unbewussten zu tun. Du
hast das vorher die "mondhaften Dimensionen" genannt.
- Wie würdest du nun das Verhältnis von Mond und Lilith
beschreiben?
Traugott: Ich
denke, wenn ich zum Mondhaften ein gestörtes Verhältnis
habe, ist es um so schwerer, zu Lilith einen Zugang
zu finden. Aber es fällt mir schwer, wie ihr vielleicht
bemerkt, hier ein "Rezept" zu geben. - Worte sind eigentlich
gegen das Prinzip der Lilith. Es ist ähnlich wie bei
Neptun: Wenn man ein solches Prinzip ausspricht, bleibt
schon ein wesentlicher Teil draußen. Das ist ja auch
immer die Schwierigkeit beim Vermitteln der Lilith.
A.B.: Um die Sache etwas griffiger
zu machen: Würdest du sagen, dass Lilith der elfte Planet
ist?
Traugott: Nein.
Es ist kein Planet.
A.B.: Würdest du die Entdeckung
der Lilith in Zusammenhang bringen mit dem Wechsel vom
Fische- ins Wassermannzeitalter?
Traugott: Zu
dieser Frage habe ich mir noch keine Gedanken gemacht.
Es ist auch beim Antritt in ein neues Zeitalter klar,
dass wir zuerst die Sündenböcke des alten heimholen
müssen, sonst steht das neue auf einem modrigen Fundament.
A.B.: Ordnest du Lilith einem
bestimmten Tierkreiszeichen zu?
Traugott: Nein.
S.G.: Sie sehen Lilith also
so ähnlich wie eine Mondknotenachse?
Traugott: Ja,
ich behandle Lilith als eine Achse und eine Dynamik
auf der Achse, die etwas sehr Wesentliches aussagt.
A.B.: Wie würdest du diese Achse
beschreiben?
Traugott: Ich
verwende hier die Analogie der Lilith zur Schlange.
Das hat sich irgendwie aufgedrängt. Baum oder Stab entsprechen
der Achse, auch die Schlange, die auf- oder absteigt,
bezeichnet die Achse. Die Achse hat zwei Enden: auf
der einen Seite Verstrickung, auf der anderen Entstrickung;
hier große blinde Flecken, dort Quantensprünge; hier
Verleugnung, dort Heimholung von Verleugnetem ...
A.B.: Ein Spiel der Polaritäten?
Traugott: Oft
wiederholen wir unsere Themen aber nur - wie eine Schlange,
die sich selber in den Schwanz beisst. Wenn wir daraus
herausfinden und anfangen, eine Spirale anstatt einen
Kreis zu drehen, dann ist das das Größte!
S.G.: Nun heißt der Gegenpunkt
zu Lilith "Priapos" - können Sie uns dazu etwas sagen?
Traugott: Ich
gehe an den Priapos über die Mythologie heran; Priapos
verbinde ich etwa mit Dionysos oder mit Eros - mythologische
Gestalten, die auch sehr viel mit dem Weiblichen zu
tun haben ... mit Fruchtbarkeit beispielsweise. Priapos
ist, wenn wir es geschlechtlich sehen, ein Gegenpol
zu Lilith. Und Dionysos ist ein androgyner Gott, der
sowohl Männliches als auch Weibliches repräsentiert.
Auf jeden Fall ist hier das Thema der Gegensätze, der
Androgynie und der Ganzheit angesprochen. Ich nenne
diese Achse im Horoskop deshalb eine sehr erotische
...
A.B.: Androgynie und Ganzheitlichkeit
bedeuten für dich also auch Ebenbürtigkeit der Geschlechter?
Traugott: Mir
ist das sehr wichtig! Dieser Punkt gibt eine Chance
zur Ebenbürtigkeit. Und aus der heraus Spannung, Kreativität
...
A.B.: Und wenn wir hier noch
die Erotik dazunehmen, so sind wir beim Thema Beziehung.
Glaubst du, dass eine Ebenbürtigkeit in der Beziehung
möglich ist?
Traugott: Ich
will das glauben. Ich glaube es auch. Das ist ja eine
Sehnsucht von beiden Geschlechtern. - Oder?
A.B.: Hoffentlich ... Hier kommt
mir Ingeborg Bachmann in den Sinn, die Klagenfurter
Dichterin. Kennst du sie?
Traugott: Ja.
A.B.: In ihrem Werk ist viel
drin von Lilith: in den Gedichten etwa oder in "Malina",
besonders im Mittelteil, wo sie ganz eintaucht in diese
Lilith-Thematik. Ingeborg Bachmann hat nicht (mehr)
an eine ebenbürtige Beziehung zwischen Mann und Frau
geglaubt ...
Traugott: Ich
denke, die Verschiedenheit von Mann und Frau ist ja
auch wichtig. Lilith hat die paradiesische Harmonie
in Frage gestellt: Manchmal müssen wie einfach eine
Harmonie in Frage stellen, damit eine Entwicklung möglich
ist. Wenn ich also von einer möglichen Harmonie der
Geschlechter spreche, so meine ich, dass zwar die Verschiedenartigkeiten
betont und gestärkt werden, aber dass sie so zueinander
schwingen, dass ein Gleichklang entsteht, nicht einfach
so eine "Sauce" ...
A.B.: Ich spreche vom Machtkampf
der Beziehung.
Traugott: Natürlich,
wenn dieses totale Sich-ineinander-Verbeissen stattfindet,
diese Machtkämpfe, dieses "oben und unten", ist da schlimm.
Anstatt dem Partner zu sagen: Es ist wundervoll dass
du dominant bist - ich bin es auch gerne! In einer solchen
Beziehung ist dann auch die Hingabe eine ganz andere,
ebenso die Hinnahme ... Es ist nicht diese weiche "Sauce".
A.B.: Tönt gut, dem anderen
zu sagen, dass man seine Dominanz wundervoll findet.
Nur: In der Mythologie frisst Lilith die Kinder auf.
Und das heißt für mich: Dieses Prinzip kann auch sehr
zerstörerisch sein.
Traugott: Das
Kinderfressen findest du auch beim Saturn, nur wirst
du nicht erbeben, wenn ich das Wort "Saturn" ausspreche
...
A.B.: Gut - aber beim Wort "kastrieren"
vielleicht schon ...
Traugott:
[lacht]: Das Kastrieren bezieht sich wieder auf die
Angst des Mannes vor der Frau.
A.B.: Ich glaube, du versuchst,
Lilith sehr positiv darzustellen.
Traugott: Ist
sie auch.
A.B.: Nicht nur. - Bei
Pluto beispielsweise könnte man ja auch alles positiv
darstellen.
Traugott:
Okay, das ist ein gutes Beispiel. Ich hatte mit Pluto
ähnliche Erfahrungen gemacht wie mit Lilith, die sehr
schmerzhaft waren. Es ist wieder die Frage: Wie gehen
wir mit unseren Schmerzen um? Progressiv oder regressiv?
Wenn ich ihn annehme und ihn aushalte - wie den Blick
in den Spiegel, von dem wir vorher gesprochen habe -,
so kann der Schmerz zu einer Art "Surfbrett" werden
für das Neue.
A.B.: In einer Beratung kannst
du das zwar sagen, aber möglicherweise hilft das nichts,
wenn jemand im Schmerz drinsteckt. - Der Schmerz kann
sehr zerstörerisch sein, wenn man ihn nicht aushalten
kann.
Traugott: Danke!
Das ist ein wichtiger Punkt. Der Schmerz kann zerstörerisch
sein, wenn ich ihn nicht aushalte.
A.B.: Was ich meine: In der
Beratungssituation ist es üblich, aufzudecken. Nur,
das reicht vielleicht nicht. Wenn der andere nämlich
in Not ist - seine Beziehung ist beispielsweise im Eimer
-, dann geht es vielleicht nicht darum, aufzudecken,
sondern die Frage heißt: Kannst du ihn halten in seinem
Schmerz? - Das bedeutet Nähe.
Traugott:
Eine astrologische Beratung ist keine Therapie und auch
kein Ersatz für die tröstende Begegnung mit einem geliebten
Menschen. Die Grenzziehung ist hier sehr wichtig - und
nicht immer leicht. Wir können einen wunden Menschen
jedoch auch in einer Beratungssituation sehr gut erreichen,
wenn wir unseren Schmerz gut kennen und akzeptieren.
Dann ist etwas Verwandtes da. Die Anerkennung des Schmerzes
ist ein wesentlicher Punkt, der mit Lilith zu tun hat.
Es geht nicht darum, den Schmerz schnell wegzumachen,
sondern mitzutragen. Und unsere Ohnmacht zu akzeptieren,
da wir so auch unsere Macht wieder spüren und verantwortungsvoller
damit umgehen. Ich habe eher die Erfahrung, dass es
etwas Ermunterndes und manchmal auch Heilendes hat,
gemeinsam den Schmerz anzuschauen.
A.B.: Meinst du das mit dem
"Surfbrett": Schaut, der Schmerz ist gut, es geht dir
nachher bald viel besser?
Traugott: Bei
so einem "Surfbrett" denke ich an Honolulu, und so stelle
ich mir Lilith nicht vor. Ich meine einfach das "Getragenwerden
wie auf einer Welle", wenn ich den Schmerz aushalte.
S.G.: Letztlich ist ja Lilith/Priapos
auch eine sehr vitale Achse. Vielleicht ist eine große
Lebenslust gar nicht möglich ohne die Erfahrung des
Gegenteils?
Traugott: Das
meine ich auch.
A.B.: Zurück zum Thema Beziehung:
Glaubst du, dass die Zweierbeziehung - man spricht auch
von der "Kiste" - ausgedient hat? Traugott:
Das Auftauchen der Lilith korrespondiert, da bin ich
wirklich überzeugt, mit neuen Beziehungsformen, unter
anderem auch mit der stärker werdenden Akzeptanz der
Homosexualität und der Auffassung, dass wir auch in
der geschlechtlichen Beziehung Erfüllung finden können.
- Auch hier findet die Heimholung eines Sündenbockes
statt.
A.B.: Hast du in deinen Beratungen
Markantes festgestellt bezüglich Lilith-Themen und Homosexualität?
Traugott: Ich
habe gesehen, dass bei Homosexuellen die Lilith oft
sehr dominant steht, auch bei Bisexuellen; oft steht
sie da im ersten Haus.
A.B.: Ist das ein Rezept?
Traugott:
[lacht]: Nein. Ich möchte nochmals betonen, dass wir
uns trauen sollten, zu Lilith "hinzuspüren". Das heißt:
Wir können sie nur vage beschreiben, wir müssen sie
selber erfahren. Schließlich kann man ja auch keinen
Orgasmus beschreiben. Ich weigere mich einfach, genaue
Beschreibungen von Lilith zu liefern oder Rezepte zu
geben, wie man mit Lilith umgehen kann, ohne dass persönliche
Erfahrungen dazugenommen werden.
A.B.: Hannelore Traugott, vielen
Dank für dieses rezeptlose, aber doch würzige Gespräch.