Advent
- aus dem Lateinischen "advenere", heißt
hinkommen, ankommen. Heutzutage bedeutet Advent Hetze durch
Geschäfte, Hektik vor dem großen Fest, Stress,
Druck, Kommerz, Kitsch und dann - die große Leere,
Müdigkeit, Unzufriedenheit.
Ursprünglich bedeutete Advent eine Zeit der Verinnerlichung,
eine Zeit des Wartens auf den Erlöser. Tief drinnen
steckt im Menschen immer noch diese unartikulierte Sehnsucht.
Und wo sucht der Mensch heute? Esoterik boomt, Körperkult
und Wellness boomen, genauso Buddhismus und Islam, Wahrsager
haben Hochsaison und nicht zuletzt - auch die Astrologie
boomt. Miguel Herz-Kestranek, Schauspieler und Autor (www.herz-kestranek.com)
und die Astrologin Hannelore Traugott (www.lilith.at) führen
einen angeregten Dialog zu diesem Thema.
Miguel Herz-Kestranek:
Bei meinen Adventsingen in der Stadt und
auf dem Land spüre ich sehr stark, dass die ach so
coolen Menschen berührbar sind, dass wenn man ehrlich
und unkitschig bleibt, sie aufmachen, ihre Sehnsucht zeigen.
Diese Sehnsüchte münden bei immer mehr Menschen
im Suchen nach "mehr" und diese Suche führt
sie auch zur Astrologie. Auch ich habe, neben anderen Wegen,
von der Astrologie profitiert, vor allem Erkenntnis über
mich selbst gewonnen. Meine erste Begegnung mit der Astrologie
liegt schon lange zurück und ist seiher viele Male
vertieft worden. Leider suchen die Menschen in erster Linie
Zukunftsaussagen und von denen halte ich am wenigsten, oder
besser gesagt, sie sind in Wahrheit das Unwichtigste und
nebstbei auch das, was Astrologen am allerwenigsten können,
obwohl viele der Versuchung, dadurch Macht auszuüben,
unterliegen.
Hannelore Traugott:
Das sehe ich im Wesentlichen auch so. Die Astrologie zieht
sicher viele an, die auf der Suche sind und viele werden
auch fündig. Sie gibt Hilfestellungen, ermöglicht
tiefe Erkenntnisse. Aber, wer Instant-Lösungen für
sein Leben oder Nahrung für seine Harmonie sucht, erhofft,
wird enttäuscht. Ein guter Astrologe wird zumindest
den Mut haben, hier zu desillusionieren und sich nicht als
allwissend oder als Erlöser aufspielen.
Miguel Herz-Kestranek
(lacht):
Erlöser bist du bei mir wahrlich nie - allwissend
schon eher ....
Traugott:
... und ich bin jederzeit bereit deine Harmonie zu stören.
Spaß beiseite, du weißt, dass eine bestimmte
Konfrontationsbereitschaft notwendig ist: der Wille, sich
mit sich selbst auseinanderzusetzen. Viele wollen diesen
Prozess umgehen, benutzen die Astrologie um Eigenverantwortung
abzuschieben und dann werden neue Sündenböcke
kreiert. So gibt's statt dem bösen Papa nun den furchtbaren
Saturn, dem man die Schuld zuschieben kann. War bei Dir
der Saturn nie schuld?
Miguel Herz-Kestranek:
Nachdem, was ich alles durchlitten habe ...
Traugott:
Pardon, ich vergaß deine überaus große
Leidenslust.
Miguel Herz-Kestranek:
Ich hatte jedenfalls das Gefühl, der Saturn ist
extra für mich erfunden worden - nein, im Ernst: früher
habe ich meine Saturnphasen, Lernphasen, wie du es nennst,
gefürchtet, heute möchte ich sie nicht mehr missen,
bin über alles dabei Gelernte froh und sehe den Saturn
eher als den besten Freund, der sich als Einziger erlauben
darf, streng zu sein. Wenn man wirklich will - das ist immer
der erste Schritt - und nicht nur ein Ventil oder einen
Ausweg sucht, um sich nicht selbst erkennen zu müssen,
dann ist Astrologie Lebenshilfe. Und natürlich macht
es Angst, wenn einem plötzlich aufgezeigt wird, niemand
anderer ist "schuld", es ist das eigene Spiel,
das hier abläuft.
Traugott:
Ich
kann diese Angst vor einer astrologischen Beratung gerade
wieder lebhafter nachvollziehen, da ich in einer Situation
war, wo ich einen ärztlichen Befund brauchte und gar
nicht hingehen wollte. Ich hatte schlichtweg Angst etwas
zu hören, was ich nicht hören wollte. Vogel Strauß
und so! Ich denke, jeder hat so einen Punkt, wo er der Realität
nicht ins Auge schauen mag, doch ist Klarheit notwendig,
wenn wir eine Situation sinnvoll bewältigen wollen.
Mir erscheint das jetzt aber zu einseitig, primär von
den Ängsten zu sprechen. Bei einer Beratung werden
doch auch Dinge besprochen, die stärken und ermutigen,
ich meine unsere Talente, Begabungen und Ressourcen.
Miguel Herz-Kestranek:
Für mich ist immer wieder frustrierend, wie falsch
Astrologie gesehen wird. Noch immer gilt sie als Wahrsagerei.
"Ja, glauben Sie denn an so was?" ..., als anderes
Kaffeesatzlesen. Sie ist vielmehr ein sicheres Erkenntnisinstrument,
wenn sie auch meiner Meinung nach nur ein Stück der
großen Erkenntnistorte ist. Um mit ihrer Hilfe weiterzukommen,
muss man die Beratung als eigene Arbeit auffassen und mit
den Jahren lernt man, dass es mehr um einen selbst und nicht
um irgendein Einzelereignis geht. Es stellt sich dann auch
die Frage: Welchen Sinn hat mein Leben und wie kann ich
den am besten erfüllen? Spätestens dann heißt
es, endgültig Abschied nehmen von der Sehnsucht nach
Harmonie und von vielem anderen auch. Wahrscheinlich kommt
die oft so vehemente Abneigung gegen Astrologie von denen,
die unbewusst am stärksten davon berührt würden,
wenn sie sie zuließen.
Traugott:
Der Punkt ist: Die meisten wissen ja gar nicht, was Astrologie
ist, hier werden nur Klischees bedient. So gesehen finde
ich es durchaus normal und gesund, dass man Astrologie,
wie sie landläufig und üblicherweise gehandelt
wird, ablehnt. Sie kennen zu lernen bedeutet: ihr ernsthaft
zu begegnen. Du hast sicher Recht mit der Annahme, dass
Menschen, die letztendlich sensibel und berührbar sind,
aus einem - oft unbewussten - Schutzbedürfnis heraus
in Abwehr gehen. Einige fürchten den Verlust von Glaubenssätzen,
andere wiederum haben Glauben, Hoffnung und Träume
schon verloren oder trauen ihrer Intuition und ihren Instinkten
nicht. Sie glauben nur mehr an das, was man messen und wiegen
kann. Tief drinnen ist jedoch eine große, oft schmerzliche
Sehnsucht, die betäubt und abgewhert werden muss. Doch
ich denke, wir suchen alle, die einen auf der Esoterikmesse
und die anderen eben am Berg oder sonstwo.
Miguel Herz-Kestranek:
Apropos Berg. Es gibt für mich die so genannte
"Bergbauern-Weisheit". So nenne ich Einssein mit
dem Leben, das manche Menschen in beneidenswerter Weise
leben. Meistens gepaart mit einer ursprünglichen Verbundenheit
mit der Natur im allumfassenden Sinn, mit einem verloren
gegangenen Verständnis von Welt und damit für
einen selbst. Vielleicht sind die damit geboren worden,
vielleicht haben sie sich's erarbeitet, ich weiß es
nicht, aber es gibt das, ohne alle Philosophie, ohne Astrologie
usw.
Traugott:
Hier liegt also deine Sehnsucht, die Sehnsucht nach dem
Einfachen, dem unverfälschten Butterbrot. Ein romantischer
Blick auf den Bergbauern, den ich durchaus verstehen kann.
Miguel Herz-Kestranek:
Erstens ist Speckbrot mein Lieblingsessen und zweitens
ist das wohl die Sehnsucht jedes zu kopfigen Menschen, der
von der Spiritualität genascht hat. Ich bin halt lieber
auf der Alm als auf der Insel.
Traugott:
Du meinst höher oben, näher mein Gott bei Dir
und so. Nein, im Ernst, ich denke, dass Menschen, die in
die Natur tief eingebettet sind, die Welt und Gott anders
schauen, Lebenszyklen elementarer begreifen und daraus schöpfen.
So wie wir die Sonne nach einem tiefen Winter anders schätzen
und erleben, als wenn wir ihr ununterbrochen hinterherreisen,
mit Lichtschutzfaktor 25. So verliert sie ihre zyklische
Bedeutung und in gewisser Weise ihren Segen. Das eine führt
zu Dankbarkeit, Zufriedenheit im besten Sinn, das andere
führt in Trips, in die Sucht nach dem ewigen Sommer.
Damit landen wir konsequenterweise beim zwanghaften Fun-Faktor.
Und was die Astrologie betrifft, sie ist keine Ersatzreligion
und keine Heilslehre, wenn auch unbestreitbar ein Segen.
Miguel Herz-Kestranek:
Amen.
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