Die erste Frau auf Erden war . . . Wer hier spontan "Eva"
einsetzt, liegt falsch. Denn aus mythologischer Sicht
war es: Lilith. Und diese Frau vor Eva war im Gegensatz
zu jener weder ein passives noch liebliches Weibchen,
aber sehr wohl ausgesprochen weiblich. Lilith war und
ist als Frau zuallererst das fehlende Stück zu "Adam-Mensch"
und eine Herausforderung für Adam-Mann hinsichtlich
der Gleichberechtigung der Geschlechter. Und sie war und
ist ein Archetyp - ein zumeist unverstandener. In vielen
Überlieferungen, die sich um ihre Gestalt ranken,
wird die erste Frau auf Erden wohl deshalb auch sehr einseitig
dargestellt, unter anderem als "die schlimmste und
zerstörerischste Frau, die die Welt je gesehen hat."
Gerade heute, wo materielle Werte einen großen Stellenwert
haben, erlebt Lilith eine Wiedergeburt - im Sinne ihrer
ursprünglichen Aufgabe. Denn die Urfrau steht wieder
zu ihrer grundsätzlichen Ver-Antwortung, nämlich
genau das aufzuzeigen und zurückzubringen, was zum
Ganzen fehlt. Und vielfach ist das genau jene dunkle Seite,
die der einzelne Mensch verdrängt, mit der er nicht
konfrontiert werden will: nämlich sein Schatten.
Lilith ist ein Spiegel, und wie so oft gefällt es
dem narzisstischen Menschen nicht unbedingt, was er darin
zu sehen bekommt.
Die
Psychologische Astrologin Hannelore Traugott, ausgebildet
in Psychosynthese, Leiterin der Schule für Erwachsene
in Salzburg, mit Beratungspraxis in Gmunden, ist Lilith-Expertin.
Sie hat der Thematik ein Buch gewidmet, in dem sie nicht
nur Erkenntnisse zu den einzelnen astrologischen Lilith-Konstellationen
bietet, sondern darüber hinaus eine Interpretation
des Lilith-Mythos aus diversen Blickwinkeln.
Wiener Zeitung: Was will uns der Lilith-Mythos sagen und
wie ist er heute zu verstehen?
Traugott: Lilith ist die
Frau, die sich im Paradies empörte, und damit brachte
sie die Dinge in Gang. Sie protestierte, wollte nicht
mehr unten liegen, und sie verließ Adam. Diese Perspektive
ist wichtig, denn sie hat ihr Exil freiwillig gewählt.
Sie steht also für die selbstbestimmte Frau. Somit
wurde sie auch zu einer Galionsfigur des Feminismus. Sie
jedoch lediglich auf den Geschlechterkampf festzulegen,
wäre zu einseitig. Lilith steht für Qualitäten,
die der Mensch verloren hat.
Wir leben in einer sehr narzisstisch geprägten Kultur,
wollen immer Sieger sein, glanzvoll, oben, und wir haben
verlernt, dass die Rückseite des Lebens genauso notwendig
ist. Es ist notwendig zu trauern, Schwäche zuzulassen,
und vor allem uns in dieser Qualität auch zu akzeptieren
und anzunehmen. Leben ist Zyklus - und eine Sonne, die
immer schiene, würde alles versengen. Lilith bedeutet
auch zyklisches Bewusstsein, zeigt, dass wir sowohl stark
als auch sensitiv sein können, und hinterfragt diese
Entweder-oder-Haltungen, die uns letztendlich nur versteinern.
W. Z.: Worum ging es Lilith wirklich?
Traugott: Lilith ging
es um Gleichwertigkeit. Doch Adam hat ihr nicht zugehört.
"Ich will nicht mehr unten liegen" bedeutete
für ihn automatisch: Ich will oben sein, will dominieren.
Lilith hat dies nie gesagt. Doch in einer Entweder-oder-Welt
bedeutet "nicht unten liegen" automatisch "nur
oben sein". Es fehlt die Perspektive des Sowohl-als-auch,
es fehlt der Blick für das Nebeneinander. In der
Astrologie wird Lilith mit dem Schwarzen Mond gleichgesetzt
und der zeigt an, wo wir oftmals heftig verdrängen
und kämpfen, was wir hier im Leben aufgrund starker
Entweder-oder-Haltungen unterdrücken. Wo wir den
Schwarzen Mond haben, verfluchen wir uns manchmal für
etwas, wofür wir eigentlich geschaffen wurden. Es
ist Punkt der Herausforderung - und wenn wir hier den
Lebenszyklus wieder in Gang bringen, wird enorme Kraft
frei. Wir werden wieder zu saftigen, erotischen Menschen.
W. Z.: Lilith erregt auch heute
noch die Gemüter. Menschen, die ihre Werte verkörpern,
werden gehasst und beneidet. Liegt das daran, weil sie
Fähigkeiten vereinen, die auf den ersten Blick unvereinbar
sind?
Traugott: Erregung ist
ein gutes Wort. Es regt sich etwas und so ist die Aufregung
der nächste Schritt. Wenn wir etwas verdrängen,
uns Lebendigkeit verbieten, ist klar, dass es uns enorm
aufregt, wenn sich das andere Menschen erlauben. Lilith
ist letztendlich auch ein Angebot, alte Rollenmodelle
zu hinterfragen, sie vermittelt zwischen der "braven
Eva" und der Schlange, zwischen der so genannten
Heiligen und der Hure. Manche sagen, sie selbst sei die
Schlange, die Wissende, und dementsprechend begegnen ihr
viele mit einer Mischung aus Angst und Faszination. Die
Angst vor der Schlange liegt sehr tief - und sie erregt.
W. Z.: Frau Traugott, Sie schreiben,
dass Lilith und ihren VertreterInnen gerade heute große
Bedeutung zukommt und dass es kein Zufall ist, dass ihr
Mythos jetzt wieder in Erinnerung gerät. Warum?
Traugott: Ich halte es
für enorm wichtig, dass wir das Leben wieder zyklisch
begreifen. Dass wir nicht alles oben halten, verbessern,
kontrollieren können. Und vergessen Sie nicht die
Schnelligkeit. Schneller, besser, größer .
. . Erinnern Sie sich an den Turmbau von Babel!
Lilith hinterfragt diesen Machbarkeitswahn, diese einseitige
Fortschrittsgläubigkeit. Sie bringt uns wieder in
Kontakt mit unserem Wesen, mit dem Wesentlichen. Doch
wie Adam hören wir meist nicht zu. Wir stellen uns
taub und betäuben uns mit Aktivität. Bei Auslösungen
des Schwarzen Mondes empört sich Lilith in uns, über
unseren Körper, unsere Gefühle, aber meist über
einen anderen Menschen. In diesen Zeiten werden wir verlassen
oder wir verlieben uns, sind geradezu ergriffen von jemandem.
In diesen Zeiten brechen Krusten auf.
W. Z.: Welche Lösungen bietet
uns Lilith für das Heute?
Traugott: Mit den Lösungen
ist das so eine Sache. Vielleicht beginnt es schon damit,
dass wir akzeptieren, dass etwas für mich gelöst
sein kann, was es für den anderen noch lange nicht
ist. Lilith meint damit Wissen aus der Erfahrung und nicht
Instant-Lösungen, die in Rezeptbüchern stehen.
Lilith ermuntert zum Einlassen ins Leben und das bedeutet
Öffnung. Öffnung wiederum bedeutet Liebe, Öffnung
bedeutet auch Schmerz. Wir pflegen eine Kultur des Schmerzvermeidens,
doch wenn wir Verwundungen ständig umgehen wollen,
vermeiden wir zu leben. So nach dem Motto: . . . wenn
ich mich nicht mehr einlasse, tut mir nichts mehr weh.
Eine fade Geschichte, eine süchtige Geschichte, dann
brauchen wir viel Thrill. Wenn wir Schmerz wieder zulassen,
Verluste betrauern können, können wir uns auch
wieder öffnen für das Neue. Dann getrauen wir
uns, das Leben wieder zu ergreifen. Lilith lehrt uns dieses
Vertrauen in das Fließen des Lebens.
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