Wenn
der Mensch die Götter sehen will, schaut er meist
nach oben.
Oben assoziieren wir mit Größe, Erhabenheit,
Entwicklung –
wir streben nach oben.
Die Astrologie fußt einerseits in der Annahme,
dass viele Naturmystiker, Hirten, Fischer, aber auch
Priester auf den Himmel geschaut haben und versucht
haben, die Zeichen da oben zu lesen. Man sah in den
Sternen so etwas wie die Handschrift Gottes. Der Himmel
war also ein Offenbarungsort.
Irgendwann hat der Mensch dann die Zeichen am Himmel
mit Phänomenen auf der Erde in Verbindung gebracht,
also er beobachtete z.B., dass - wenn der Mars besonders
signifikant stand, in dieser Zeit die Tiere aggressiver
waren, die Brennnesseln besonders gewuchert sind, oder
dass sein Trieb deutlich stärker war …
Wir kennen diese Anschauung auch heute noch, wenn wir
z.B. sagen, „heute fliegen die Schwalben tief,
es wird ein Gewitter geben“ – und es ist
jedem klar, dass die Schwalben das Gewitter nicht gemacht
haben. Wir betrachten ihren Flug lediglich als Zeichen.
Ich
möchte hier die Geschichte von dem Philosophen
Thales von Milet erzählen. Er war ein Sternenkundiger.
Man sagt, er deutete eine Konstellation so, dass man
davon ausgehen konnte, es müsse im kommenden Jahr
extrem viele Oliven geben.
Geschäftstüchtig wie er war, kaufte er daraufhin
sämtliche Olivenpressen, die er nur auftreiben
konnte – und die Rechnung ging auf. Zur Erntezeit
rissen ihm die Leute zu fulminanten Preisen die Pressen
aus der Hand.
Eine
pragmatische Haltung - durchaus legitim, und die Geschichte
zeigt, dass auch früher mit den Sternen nicht immer
nur die Götter besungen wurden.
Für
die europäische Astrologie ist die Sternenschau
des mesopotamischen Kulturraumes bestimmend.
Die Menschen dieser Völker stellten erst intuitiv,
dann empirisch Ereignisse ihres Umfeldes mit Konstellationen
am Himmel in Bezug.
Diese einfache, jedoch sehr kreative Kosmogonie vermischte
sich später mit dem Geistesgut der griechischen
Antike. Prägend waren hier die Weltbilder der Philosophen
Aristoteles, Pythagoras und vor allem Plato –
seine Lehre von den Urideen bzw. Archetypen ist sozusagen
der geistige Überbau der Planetenlehre - und im
wesentlichen heute noch bestimmend, genau so wie die
Säftelehre oder die Elementelehre von Aristoteles,
oder – salopp gesagt – seine 4 causen –
die bilden immer noch die Basis für die 4 Quadranten
im Horoskop.
Der
wichtigste Autor astronomischer und astrologischer Schriften
war jedoch Ptolemaios, sozusagen ein Urvater der Astrologen.
Ich
führe hier gewichtige Namen an und ein Vorwurf,
der immer wieder kommt, ist: „Müsst ihr Astrologen
das Jahrmarktseck immer gleich mit Aristoteles kompensieren“.
Mit diesem Blickwinkel werden wir leben müssen,
denn das antike hellenistische Geistesgut gehört
nun einmal zum Wurzelstock der Astrologie und auch wenn
nicht jeder Astrologe ein Aristoteles ist (wahrlich
nicht), so finde ich es doch wichtig, zu wissen welcher
Tradition man folgt.
Kommen wir nun zu einer anderen Kommunikationsform dieses
Wissens.
Die Grunderfahrung, die die Griechen vom Leben hatten,
spiegeln sich in ihren Mythen wieder. Mythen sind tief
in der Seele des Menschen eingegraben.
Das
erfahre ich immer wieder bei meinem Maskentheater, wo
über das Maskenspiel mythische Motive initiiert
werden und die Teilnehmer - selbst die, die keinen bewussten
Zugang zu den Mythen haben und sie gar nicht kennen
- in kürzester Zeit die Energiemuster eines archetypischen
Geschehens herausspielen.
Die Seele offenbart sozusagen eine archetypische Dynamik.
Das
war übrigens auch mein persönlicher Zugang
zur Astrologie.
Ich habe als Kind viele Mythen gelesen und wie ich zum
ersten Mal mit Astrologie in Kontakt kam dachte ich:
Das ist ja angewandte Mythologie.
Wie immer auch, die Planeten tragen jedenfalls die Namen
der griechischen bzw. römischen Götter - Venus,
Mars, Jupiter, Neptun, Pluto, Merkur und wie sie alle
heißen ---
Der
Mensch trägt diese Bilder oder Mythen – wie
immer wir das jetzt nennen - in sich und projizierte
sie also auf den Himmel, den Sitz der Götter. Die
Planeten sind sozusagen äußere Repräsentanten
seiner inneren Kräfte, sind Abbilder seiner Seele.
Die Sterne sind aus diesem Blickwinkel Symbole, die
nun gedeutet werden.
Damit kommen wir zu einem wesentlichen Thema:
Astrologie
und die Deutungskunst.
damit sind wir beim Begriff: KUNST
Ich
sage jetzt nicht - Astrologie ist Kunst,
für mich nehmen nämlich beide ein eigenes
Universum in Anspruch.
Ich
verwende aber immer einen Hilfsausdruck und sage:
Astrologie
ist eine Schwester der Kunst, denn gewisse Gesetzmäßigkeiten
eines künstlerischen Prozesses treffen hier definitiv
zu.
Das beginnt schon mit der Schau:
Horoskop
heißt Stundenschau –
vom griechischen hora, die stunde und skopein –
schauen
Ein
Horoskop ist ein Abbild der Konstellationen am Himmel,
zeigt das Zusammenspiel der Sterne, es ist ein Messinstrument
für Chairos, was soviel wie Zeitqualität meint,
zeigt also auf, welche Qualität in einer Zeit angelegt
ist.
Der
Astrologe deutet, interpretiert das dann.
Die Schau verlangt einen Wissenden, einen, der offen
ist - offen auch für Neues und doch ein Wissender
– aus der Erfahrung.
Das
im Unterschied zum Kind, das auch offen aber noch unkonditioniert
in die Welt blick, oder zum Glotzenden (ein scheußliches
Wort), der im Wesentlichen nur auf die Mattscheibe seiner
fertigen Vorstellungen blickt.
SCHAUEN
IST ALSO EIN KREATIVER PROZESS
und ein wesentlicher Bestandteil der Deutungskunst
Die Kunst der Horoskopdeutung erfordert neben dem Schauen
natürlich auch handwerkliches Können, Fertigkeit.
Das in Abgrenzung zum einmaligen Wurf
Der Astrologe muss heute nicht mehr Astronom und Mathematiker
sein, um sich ein Horoskop erschließen zu können,
all das übernimmt heute weitgehend der Computer,
und was den Sternenhimmel betrifft, können die
meisten nur Sonne und Mond da oben identifizieren.
Trotzdem:
Astrologie zu lernen bedeutet auch heute noch, in ein
umfangreiches Wissensgebiet einzusteigen, folgerichtiges
Denken sind genau so gefragt wie assoziative Fähigkeiten.
ASTROLOGIE
IST KEINE WAHRSAGEREI –
allzu
oft rutscht sie in dieses Eck –
da im Jahrmarktsgeschehen eine Unterscheidung kaum relevant
ist
aber auch, weil oft das Eine für das Andere ausgegeben
wurde,
speziell von denen, die beides nicht können …..
Es
gibt natürlich hellsichtige Menschen –
nur, das ist nicht Astrologie.
Und
Astrologie ist nicht Intuition,
obwohl es dem Astrologen natürlich hilft, wenn
er intuitiv ist.
Eine astrologische Deutung ist ein schöpferischer
Prozess, und natürlich geht die Astrologie immer
durch das Prisma des Astrologen, gefärbt von seinem
Weltbild und natürlich von seinen Werten.
Dementsprechend
groß ist der Spannungsbogen bzw. das Niveau in
der Astrologieszene, Sie finden hier alles, vom weiten
Land bis zum Schrebergarten.
Dazu möchte ich anmerken:
gerade Schrebergärten können oft Geborgenheit
schenken
auf der anderen Seite:
die Astrologie kann nicht immer etwas für ihre
Repräsentanten.
Frühe Astrologen hatten ein hohes Bildungsniveau.
Eine der ersten bekannten Astrologieschulen gab es in
Kos, sie wurde geleitet von einem Mann der Berossos
hieß, ein Meister der Mathematik, Astronomie,
Philosophie, und eben der Astrologie, eine damals übliche
Mischung.
Frühe
Astrologie- und auch Philosophieschulen achteten darauf,
dass es keine Trennung zwischen Philosophie und Lebensvollzug
gab. Die Schüler wurden in kultisches Geschehen
eingebunden, mussten Prüfungen absolvieren, die
sie geistig, seelisch und auch sinnlich forderten. Eine
umfassende Wahrnehmung war wichtig.
An dieser Stelle noch eine kleine Geschichte
Es
ist die der berühmten thrakischen Magd
(ob sie so berühmt ist weiß ich jetzt gar
nicht).
Jedenfalls
diese Magd beobachtete, wie ein Philosoph durch die
Gegend ging und immer nur auf den Himmel und die Sterne
blickte. Dabei übersah er eine Zisterne, in die
er prompt hineinfiel. Der Spott der Magd war ihm sicher,
da er nur den Himmel erkundete, aber das zu Füssen
Liegende gar nicht bemerkte.
Eine
wichtige Geschichte für Astrologen (ich schenk
sie aber auch den Ärzten).
Mit
der Astrologie können Sie sich natürlich auch
vor dem Leben verstecken – dann ersetzen die Ephemeriden
die Lebenserfahrung und in den Adern fließen nur
Symbole.
Ich halte neben der Bildung die Erfahrung und den sinnlichen
Bezug zur Welt für eine wichtige Voraussetzung
für einen guten Astrologen. Ansonst wird leicht
ein diffuser Esoterikcocktail oder intellektuell verbrämte
Blasiertheit daraus.
Übrigens, der Philosoph, der in die Zisterne gefallen
ist, soll ebenfalls Thales von Milet gewesen sein. Ich
frage mich aber, ob das stimmt, denn die Geschichte
mit den Olivenpressen zeigt, dass er den Blick auch
hervorragend auf den Boden der Tatsachen richten konnte
und er hat ja aus den Sternen reichlich Sterntaler gemacht.
Er ist sozusagen eine Gallionsfigur für alle Wirtschaftsastrologen.
Doch worauf will ich letztlich hinaus?
Der
Mensch versucht die Welt zu deuten –
verspricht sich so Kontrolle, Sinn, Gestaltungsmöglichkeiten
–
was auch immer.
Er
hat mit der Astrologie ein Instrument, um die Qualität
einer Zeit erfassen zu können. Der Sternenhimmel
ist der Bezugsrahmen, er liest die Zeichen. Der
Astrologe deutet die Sterne, die in diesem Sinne Symbole
am Himmel sind.
Ich persönlich finde den Samen und auch die Wurzeln
einer Sache sehr aussagekräftig, denn eine Sache
kann zwar später blühen oder degenerieren,
nur sie kann sich nicht sehr weit von der Wurzel entfernen.
EINE
WURZEL DER ASTROLOGIE liegt einerseits
bei
den Naturmystikern,
Weltbeobachtern,
dem sinnlichen Erfahrungsmenschen –
und
andererseits
bei den Philosophen,
den Mythologen,
dem Menschen mit einer Fähigkeit zur Innenschau
Die
Zeichen am Himmel und unser innerer Himmel müssen
in Bezug
gebracht werden.
Ein
guter Astrologe wird dadurch auch ein Erfahrungsmensch
sein,
der einen sinnlichen Bezug zur Welt hat.
Er
wird „schauen können“ und einen schöpferischen
Bezug zu seinem Innen haben.
Wenn
das kultiviert wird und man sich dessen immer wieder
besinnt, ist eine gute Fruchtfolge wahrscheinlicher.
Und jetzt zum Pflücken der Frucht:
Der Gestaltungsmensch wird Astrologie als Orientierungshilfe
nutzen,
um für kommende Themen eine adäquate Lebensarena
zu finden -
das
zum Leitstern.
Die Stolpersterne sind klar:
Es
gibt Menschen, die Verantwortungen liebend gerne abgeben.
Die wollen auch von einer Wahlmöglichkeit nichts
wissen.
Sie verschieben mit der Astrologie nur die Ausreden,
statt dem Papa ist dann der Saturn schuld – und
sie haben lieber jemanden der sagt, wo es lang geht
und der ihnen Entscheidungen abnimmt.
Dieses
Begehren wird ja derzeit von einer grauenhaften Szene
bedient,
in einem Reißverschlußverfahren, d.h. es
braucht beide Seiten, damit es funktioniert.
Dann gibt es anderereseits sehr abhängige Menschen,
die wenig Verwirklichungsmöglichkeiten haben.
Wenn Sie so jemandem sagen, dass im nächsten Jahr
große Veränderungen anstehen, wird er naturgemäß
Angst bekommen, denn ohne Gestaltungskraft sieht er
sich ja nur als Opfer der Umstände.
Kurz: wenn er nicht handeln kann oder will, dann kann
die Astrologie
sogar Gift für ihn sein.
Der Mensch braucht eine gewisse Reflektionsfähigkeit,
Handlungsvermögen und Mündigkeit, um die Astrologie
sinnvoll nutzen zu können.
Der Unterschied liegt also zwischen:
schicksalsergeben oder sein Schicksal gestalten –
soweit es eben geht.
Und ich möchte dazu abschließen mit einem
Satz von Oswald Spengler:
DIE
SCHICKSALSIDEE VERLANGT LEBENSERFAHRUNG,
NICHT WISSENSCHAFTLICHE ERFAHRUNG,
sie
verlangt die DIE KRAFT DES SCHAUENS, NICHT BERECHNUNG
sie
VERLANGT TIEFE
ich
gestatte mir, das zu ergänzen:
…
sie verlangt Beherztheit und Leidenschaft
herzlichen Dank